Gibt es Gott?
Jung spricht vom Archetyp des Gottesbildes, das vom Archetyp der Ganzheit nicht unterschieden werden, aber erfahren werden kann. Er nimmt die religiöse Erfahrung als wesentlichen Bestandteil seiner Psychologie an, weil sie zugleich die Entfaltung zur Ganzheit miteinschließt. Für ihn ist „die Religion die Frucht und der Höhepunkt der Vollständigkeit des Lebens, welche beide Seiten, Bewusstes und Unbewusstes umfassen. "1 Es sind nicht die Glaubenssätze als solche, um welches das Forschen und Denken Jungs kreist, sondern die religiöse Erfahrung, die einem niemand so wenig wie Liebe und Hass abstreiten kann.
„Religiöse Erfahrung ist absolut. Man kann darüber nicht disputieren. Man kann nur sagen, Dass man niemals eine solche Erfahrung gehabt habe, und der Gegner wird sagen „Ich bedauere. Ich hatte sie. Damit wird die Diskussion zu Ende sein. Es ist gleichgültig, was die Welt über die religiöse Erfahrung denkt, derjenige, der sie hat, besitzt den großen Schatz einer Sache, die ihm zu einer Quelle von Leben, Sinn und Schönheit wurde und die der Welt und der Menschheit einen neuen Glanz gegeben hat. Wo ist das Kriterium, das erlaubte, dass ein solches Leben nicht legitim, dass eine solche Erfahrung nicht gültig, solch eine Pistis (Glaube) bloße Illusion sei? Gibt es tatsächlich irgendeine bessere Wahrheit über letzte Dinge als diejenige, die einem hilft zu leben?" 2 Es geht ihm um das psychische Organ, mit dem wir Gott begegnen. Er berichtet von vielen Fällen, in denen sich dieses bei eingeschworenen Atheisten durch seine Behandlung geöffnet hat.
Christus im Zentrum Gott, der Archimedische Punkt
Die Frage nach der Religion wird meistens gleichgesetzt mit der Frage: Existiert Gott? Weil diese dem kritisch Denkenden weder mit Ja noch mit Nein in Gewissheit beantwortet werden kann, bleibt es dabei, dass man sich nicht mehr darum kümmert. Der Frage nach Gott kommen wir nicht näher, indem wir beweisen oder widerlegen wollen, auch nicht indem wir uns zu einem naiven Gauben zwingen, sondern indem wir den Rahmen überprüfen, in dem wir die Wirklichkeit wahrnehmen. Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird feststellen, dass dieser sehr begrenzt ist, wenn ihm die spirituelle Erfahrung fehlt, eine Erscheinung, die Millionen der Menschheit betrifft, die in die letzte Tiefe der Existenz greift, die den höchsten Wert darstellt, Menschen verwandelt und zu höchstem Glück und zu höchsten Leistungen befähigt. Es sei an die Teilnehmer der Zen-Kurse erinnert, die sich der bloßen Stille aussetzen und mit reichstem existentiellem Gewinn den Meditationsraum verlassen. Die spirituelle Erfahrung ist kein Gottesbeweis, aber sie ist eine Tatsache, über die kluge, ehrlich Suchende nicht hinweggehen.
Über den Verursacher dieses Phänomens gehen die Meinungen auseinander. Tiefenpsychologisch ist es das „Selbst", als das eigentätige Zentrum der Seele, in der Sprache der Religionen ist es „Gott". Selbst wenn im Buddhismus der Name nicht vorkommt, sondern vom Nirwana gesprochen wird, ist dies kein Nihilismus im Sinne der westlichen Aufklärung, sondern eine Wirklichkeit, welche den gesamten existenziellen Raum erfasst.
In der Auseinandersetzung mit anderen weltanschaulichen, religiösen oder politischen Richtungen baut man gerne Beweisketten auf und glaubt, damit die Meinung des andern aushebeln zu können. Darunter fallen auch die sogenannten „Gottesbeweise". In Wirklichkeit greift der Beweis nur bei einem selbst und bei denen, welche auf der eigenen Seite stehen, weil der Gegner die Fakten anders auswählt und anders bewertet. Es ist die Verschiedenheit des Denkrahmens, welche religiöse Menschen und Atheisten trennt, nicht die des logischen Denkens.
Christus nimmt die zentrale Stellung in der Seele, in der Schöpfung und in der Geschichte ein. Er ist die Mitte aller Glaubenden sowie jedes Einzelnen. Seine Bedeutung wird unter vielen anderen Aussagen im Epheserbrief so beschrieben: »... in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist« (Eph 1,10). Dasselbe sagen alle Hoheitstitel vom erhöhten Christus aus: »Herr«, »Messias « (Apg 2,36) »durch die rechte Hand Gottes erhöht« (Apg 2,33).Wir sind dann auf dem richtigen Weg, wenn uns Christus in unserer eigenen Seele entgegentritt. So dürfen wir jene Szene interpretieren, in welcher Franziskus im Kirchlein von S. Damiano die Stimme Christi hört: »Stelle mein Haus wieder her!« Die hohe Freude und das wundersame Licht, das ihn erfüllte, ist - tiefenpsychologisch betrachtet - die Ausstrahlung des zentralen Archetyps, in dem Christus gegenwärtig ist. Dies bestätigt der anschließende Satz: » ... dass er in seiner Seele wahrhaft Christus den Gekreuzigten empfand, der zu ihm redete." 3Weil Christus das ureigenste Zentrum jedes einzelnen Glaubenden darstellt, lenkt er alle Aufmerksamkeit auf sich und führt alle zusammen, ohne die Freiheit zu nehmen. Wie sich die Türen nach innen öffnen, so tun sie sich auch für einander auf. Von der ersten Gemeinde der Christen heißt es, »sie war ein Herz und eine Seele« (Apg4,32). Hier werden wir auch an die ersten Brüder und Schwestern des heiligen Franziskus erinnert, von denen es heißt: »Wenn sie sich nämlich irgendwo trafen oder auf dem Weg irgendwo begegneten, sprang ein Pfeil geistiger Liebe über, der über alle natürliche Zuneigung den Samen einer wahren, höheren Liebe streute.«4
Nachfolge Jesu in der Radikalität, wie sie der heilige Franziskus vollzogen hat, bedeutet, dass der zentrale Archetyp des Selbst geweckt ist. Gerade bei dem so bekannten und beliebten Heiligen aus Assisi kann man sehen, dass ein Leben in der Nachfolge Jesu nicht Verkümmerung und Einschränkung der Persönlichkeit bedeutet, sondern schöpferischen Reichtum, Ausstrahlung und Orientierung für andere. Es ist Aufblühen und Wachsen, wenn jemand wie er von Gott berührt ist. Der Funke Gottes vermag die fühlbare Liebe entzünden, die zur Glut werden kann, nicht nur das Gebot der Liebe erfüllen. Dies ist eine Botschaft, die in einer Zeit der Säkularisierung und des Glaubensverlustes Mut machen kann. Es bedeutet nämlich, dass der moderne Atheismus und die Entfremdung von Kirche und Christentum nicht unüberwindbar sind. Zu allen Zeiten gehen Menschen dorthin, wo das dichtere Erleben, die tiefere Existenzerfahrung, das höhere Maß an Lebendigkeit und der größere Raum der Bewusstheit zu finden sind. Wer den emotionalen, blinden Untergrund seines Wesens bedenkt - es geschieht am intensivsten durch das Beobachten und Verarbeiten der Träume - verbindet damit die Kraft des Unbewussten mit dem Licht der Vernunft und gewinnt ein höheres Maß an Lebensdichte, an Selbstbestimmung und an Wertschätzung anderer. Von ihm geht emotionale und spirituelle Ausstrahlung aus, und er kann die Wirklichkeit kritischer, das heißt von der Gegenseite her sehen, ohne seine bejahende Einstellung zu verlieren.
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