Perspektivenwechsel"
Corona als mögliche Chance für eine Kultur des Innen
Die Corona-Krise hat vielen der Blick nach innen geöffnet. Es ist der erste Schritt zu einer Lösung der Probleme unserer Zeit. Wir betreten eine Welt mit ungeahnten Möglichkeiten, die in uns selbst liegen. Wenn wir schon an der großen Welt nichts verändern können, so kann uns niemand daran hindern, uns selbst zu verändern.
Es beginnt damit, dass wir die Stille aushalten, neugierig werden, was die Träume sagen, die neuen spirituellen Wege entdecken.
Der innere Weg
Der innere Weg beginnt dann, wenn eine Krise eintritt, wenn es außen nicht mehr weiter geht.
Wenn ich an meiner Umgebung und an der politischen Situation nichts ändern kann.
die Flüchtlingsströme : 100 Millionen,
Erschüttert ist das Vertrauen in das westliche Bündnissystem-
in die Demokratie. Populisten kommen an die Macht und sind unberechenbar...
Die religiös motivierten Islamisten - Terroristen, die sich durch keine militärische Abwehr aufhalten lassen.
Die Vorstellung beherrschte weit das allgemeine Denken: Wir können uns alles leisten, wir können alles machen, was Wissenschaft und Technik hergeben. Wir haben die Krankheiten im Griff! Dies stellt sich jetzt als die große Täuschung der Neuzeit heraus. Die Nation, die den Mond erobert hat, hat nicht die nötigen technischen Mittel, die Waldbrände wirksam zu bekämpfen. Dazu kommt immer deutlicher zum Vorschein, dass unser Wohlstand auf eine Lebenseinstellung und Wirtschaftsweise aufgebaut ist, welche dem einzelnen die Gesundheit und Lebensqualität nimmt, zumindest schwer bedroht.
b) Der ganz persönliche Bereich
Psychische Erkrankungen Die Zahl der Arbeitsausfälle wegen psychi¬scher Erkrankungen ist einer Studie der Krankenkasse DAK zufolge in den vergangenen Jah¬ren deutlich gestiegen. Die Kas¬se verzeichnete von 2000 bis 2019 einen Anstieg der Ausfall¬tage aufgrund von Depressio¬nen um 184 Prozent, wie der „Spiegel" berichtete. Die Fehl¬zeiten wegen anderer Angststö¬rungen stiegen um 205 Prozent-, Ausfälle wegen Reaktionen auf
schwere Belastungen und An¬passungsstörungen sogar um 332 Prozent.
Die Zunahme der Arbeitsun¬fähigkeit wegen psychischer Er¬krankungen sei „seit Jahren die bei Weitem auffälligste Entwick¬lung", zitierte der „Spiegel" aus der Untersuchung.
Von 1997 bis 2019 nahm die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankun¬gen demnach um 239 Prozent zu. Ansonsten gab es keinen ver¬gleichbaren Aufwärtstrend,
b) die so schwierige Suche nach Nähe und Vertrautheit!
Wo bin ich daheim? Auf wen kann ich mich verlassen, wenn ich krank, hilflos, abhängig bin?
33% der Ehen werden geschieden, Familien zerbrechen, oder man kann sich nicht mehr für eine endgültige Bindung entscheiden.
In Deutschland leben 18 Mil¬lionen Menschen in Ein-Personen-Haushalten, gewollt oder ungewollt. 1991 seien es erst zwölf Millionen gewesen. In Kri¬senzeiten fühlten sich Singles in ihren eigenen vier Wänden al¬leingelassen. Das räumliche Ab-standhalten in der Öffentlich¬keit verstärkt dieses Gefühl. Fa¬milienleben bietet dagegen nicht nur Beziehungsreichtum, sondern auch gegenseitige Hil¬fe, betont der Forscher. Zukunftsforschers Horst W. Opaschowski.
Am häufigsten: Eheprobleme, Trennung, Scheidung: Die Angst, ich werde verlassen! oder ich werde frei?
Auflösung der Familie durch Weggang der Kinder: Wozu bin ich noch da? Wozu werde ich noch gebraucht?
Trauer: Verlust eines Angehörigen durch Krankheit und Tod
Verlust des Arbeitsplatzes: Wer bin ich noch? Niemand kann mich mehr gebrauchen!
wirtschaftlicher Zusammenbruch, Insolvenz. Pläne gescheitert. Was kann ich noch vorzeigen? Worauf kann ich noch stolz sein? Wer bin ich noch?
Seelischer Einbruch. Ein erfolgreicher Mann (Sender für Geheimdienste eingerichtet) kann nicht mehr arbeiten, er bringt die Kraft nicht mehr auf.
Plötzlich Erkrankung: Was ist, wenn mir vom Arzt gesagt wird: Es ist ein Tumor, ein bösartiger." Welche Reaktionen steigen auf? Wie kann ich die Ängste bewältigen?
Pensionierung: Bisher hat mich meine Tätigkeit ausgefüllt. Was füllt mich jetzt aus? Wer bin ich ohne Beruf, Position, Rolle (nicht mehr als Chef)?
Älter werden. Was ist, wenn man als Frau nicht mehr attraktiv ist? Wenn die erotische Ausstrahlung schwindet?
Was ist, wenn man nicht mehr leistungsfähig ist?
Tod: Was ist, wen er unabänderlich auf einen zukommt?
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Die sogenannte wissenschaftliche Denkweise, erklärt nur das für real was sich nach strengen Regeln nachweisen lässt. So arbeitet man nicht nur in der Technik und Rechtsprechung, sondern auch in der Erforschung des Menschen. Die wissenschaftliche Psychologie und Soziologie kann aber nur den Ist-Zustand der Allgemeinheit feststellen, aber sie vermag den konkreten einzelnen Menschen keine Antwort auf die Fragen zu geben , die ihn bedrängen:
Wie kann Liebe gelingen?
Wie gehen Freiheit und Nähe zusammen?
Wie bewältige ich den Verlust
Der Gesundheit,
der Wertschätzung , wenn man sich trennt, oder den andern durch Tod verliert. Bei Trennung oder durch den Tod?
Gibt es ein Größeres über mir, dem ich mich voll und ganz anvertrauen kann?
Was wird vermieden? Der Blick auf mich selbst! Auf die eigene Befindlichkeit!
Bin ich ohne die Regeln der Konvention frei oder Opfer der Emotionen, der irrationalen Kräfte?
Wie kann Liebe gelingen?
Wie gehen Freiheit und Nähe zusammen?
Wie bewältige ich die Verluste meines Lebens,
Der Gesundheit,
der Wertschätzung bei einer Trennung oder durch den Tod
Die Antworten auf diese Fragen zu finden braucht es den
inneren Weg: eine neue Lebensqualität
Der innere Weg als Antwort auf die Herausforderungen des Lebens
Der Begriff „innerer Weg" ist erst in den letzten Jahrzehnten in unserem spirituellen Horizont wieder aufgetaucht Er stammt aus dem Bereich der neuen spirituellen Wege, die vom fernöstlichen Kulturgut beeinflusst sind. Es gibt im Japanischen viele Arten der körperlichen und seelisch-geistigen Erfahrung, die mit do enden: zen-do, Ju-do, aiki - do. Do heißt Weg. Das beständige Üben öffnet Schritt für Schritt einen spirituellen Innenraum und den Zugang zu der überpersonalen Kraft „Ki" (japanisch) oder „Chi" (chinesisch), welche eine vom Spirituellen durchdrungene und geformte Persönlichkeit bildet.
Doch wir müssen nicht fernöstliche spirituelle Praktiken übernehmen, um mit dem Wort etwas anfangen zu können. Das Thema kommt in unseren Träumen vor. Ich nenne einige Beispiele: Wir sind mit dem Auto unterwegs und landen an einer Baustelle. Wir sind steigen auf einen Berg und wir haben nicht die richtigen Schuhe. Wir fahren mit dem Zug, die Wagons werden abgehängt, wir bleiben mitten auf der Strecke stehen. Die große mächtige Lokomotive fährt allein durch die Gegend.
Wir überqueren einen Fluss auf einem schmalen Steg. Plötzlich merke ich: das ist gar kein Geländer.
Wenn uns solche Bilder bei Nacht erscheinen, heißt das: Wir sind in einer Phase des Übergangs, der Wandlung, der Entwicklung, des seelischen Wachstums.
Der innere. Weg ist kein Hobby und kein Freizeitvergnügen, dass man sich nach Laune aussuchen kann, sondern es handelt sich eher um das ganz persönliche Schicksal, das einem auferlegt ist, mit dem man zu Recht kommen muss. Andererseits ist es die große Chance, die Möglichkeiten zu sehen, aus unserem Leben etwas zu machen, das wertvoll und erfüllend ist. Im Grunde haben wir nur die Wahl, den vorgegebenen Rahmen unseres Lebens auszufüllen und das Beste daraus zu machen, oder unsere Bestimmung abzulehnen und uns gegen die positiven Möglichkeiten zu verschließen.
Die große Wende Der innere Weg in der Tiefenpsychologie nach(C.G.Jung)
C.G.Jung hat an Patienten beobachtet, dass der Prozess der inneren Entwicklung auch nach einer Behandlung weitergeht. Er kommt zu dem Schluss, dass es eine Dynamik der Entfaltung zum größeren Umfang der Persönlichkeit gibt, die nicht dem Bewusstsein und der Willkür unterworfen ist und eigentätig wirkt. Es ist eine Instanz, die den ganzen Menschen umfasst, Intellekt und Gefühl, Körper und Geist, Bewusstes und Unbewusstes. Weil er diese Instanz im Unterschied zum Ich das „Selbst" nennt, spricht er von Selbstwerdung oder Individuation.. Es ist zugleich der Funke, der überspringt, weil in jedem derselbe Funke ist. Das Selbst ist sowohl der göttliche Funke wie die autonom wirkende Dynamik der Entwicklung zur größeren Persönlichkeit, der Individuation. Er wird geweckt durch Betroffen-sein. Deshalb nennt der Theologe Paul Tillich Gott das Symbol für das, was mich unbedingt angeht.
Es gibt Größen in unserem Leben, über die nicht wir, sondern die uns bestimmen, konkret den Rahmen, in dem wir denken. Deshalb sind ja die Meinungen trotz strenger Logik des einzelnen so verschieden. Ich denke ist richtig- ich werde gedacht ist genauso richtig. Echte Veränderung beginnt nur , wenn sich der Rahmen meines Denkens ändert.
Der innere Weg ist eine neue Lebensqualität
Kritisches Denken mit religiöser Ergriffenheit, den Verstand mit dem Gefühl, die Kraft des Unbewussten mit dem Licht des Bewusstseins zu verbinden, das ist das eigentliche, lohnende Ziel jeder Bemühung um personale, spirituelle Entwicklung.
Die bessere soziale Leistung, dauerhafte Lebendigkeit, größtmögliche Freiheit des einzelnen bei einem intensiveren und allgemeineren Kollektivzusammenhang sind Ergebnisse des inneren Weges.
Beginn des inneren Weges
Er beginnt mit der großen Stille.
a)Beim ersten Selbsterfahrungskurs, an dem ich teilgenommen habe, herrschte zu Beginn völlige Stille.
Der Trainer sagte gar nichts bis zum Schluss...Die Teilnehmer sollten nur auf sich zurückgeworfen sein...
Es kann auch eine Stille am Anfang des Kurses in abgewandelter Form sein... nur eine Stille von fünf Minuten, sodass man anfängt, sich selbst zu spüren.
B die qualifizierte Stille eines Zen-Kurses.
Wenn jemand sagt: Ich spüre nichts: Dann wird der Leiter sagen: Dann spüren Sie 5 Tage das Nichts!
C) Wahrnehmung der inneren Befindlichkeit, der eigenen Reaktionen, Gefühle, wünsche, Enttäuschungen, Leiden im Raum des Vertrauens der therapeutischen Situation.
Wirkung ist: Ich bin erleichtert, entlastet, es tat mir gut.. Ich merke, es gibt noch etwas ganz anderes.
Es ist ein wie ein Erwachen vom Wesensschlaf, Es ist der Punkt, bei dem man anfängt, seine eigenen Gefühle, eigene Gedanken wahr zunehmen und Entscheidungen aus dem ganz Eigenen zu fällen.
Wem der Einstieg einmal gelungen ist, in dem vollzieht sich eine Umkehrung der Werte, von dem, was mir wichtig ist. Wo folgende Fragen auftauchen: Was ist mir wichtig?
Wie verbringe ich meinen Urlaub? Wofür gebe ich mein Geld aus?
Es bringt mir mehr, wenn ich an einem Seshin,teilnehme.
eine strenge Meditationswoche mitmache,
Es gibt Wandlungen der Persönlichkeit, die so tiefgreifend und umfassend sind, dass sie die Denkweise, das Erleben und Verhalten eines Menschen total verändern. Im kirchlichen Raum wird von einschneidenden Bekehrungen berichtet, welche ganz normale Menschen zu außerordentlicher, sogar heroischer Lebensweise befähigte. Es sind die großen Heiligen, die eine sehr interessante Bekehrungsgeschichte aufzuweisen haben. Die bekanntesten Namen sind Paulus, Augustinus, Franziskus, Ignatius. Es war für sie die große Umkehr.
Auch heute können wir Menschen antreffen, deren Leben eine totale Wende erfahren hat, die dem spirituellen Bereich volle Aufmerksamkeit widmen, Zeit und Geld dafür opfern und erleben dürfen, dass das Leben dichter und erfüllter wird. In den neuen spirituellen Kreisen spricht man vom inneren Weg, den viele mit überzeugender Konsequenz auf sich genommen haben und dies nicht aufgrund ihrer religiösen Erziehung oder Zugehörigkeit zur Kirche, sondern weil sie das Spirituelle als die Kostbarkeit ihres Lebens entdeckt haben. Für sie tat sich eine neue Welt auf, in der ganz neue Akzente maßgebend wurden, nicht mehr die Jagd und das Gehetze nach Geld und Aufstieg, sondern die Qualität eines bewusst gelebten Lebens, der Stille und der Begegnungen.. Vorherrschend ist nicht mehr die Frage:
Was habe ich falsch gemacht,?
Sondern Woruntger leide ich? Was bedrückt mich, was entwertet mich?
was bereichert mich existentiell? Was macht mich froh?
Je tiefer die Empfindung ist, die ich zulassen kann, dass greifender und wirksamer ist die Verändeung...
Gefühle werden nicht durch Vernunft und Willen, sondern durch tiefere Betroffenheit verändert.
Ausgedrückt im Modell der Seele bedeutet dies: Der Schwerpunkt des Erlebens und Denkens verlagert sich vom Ich zum Selbst, vom Machen und Planen
zur Erfahrung des eigenen Wesens. Damit ist die Änderung des Denkrahmens und der Grundeinstellungen eingeschlossen. Das heißt man sieht die Wirklichkeit anders, man wählt anders aus, und ordnet sie anders ein und zieht entsprechende Konsequenzen. Im Idealfall ist es ein existentieller Wandlungsprozess, in dem das spirituelle Leben einen breiten Raum einnimmt.
Umkehr ist ganz konkret sichtbar, wenn jemand das Gebet der Stille entdeckt hat , jeden Tag eine Stunde damit verbringt und seitdem sein Leben überaus erfüllt erfährt.
Warum sollte nicht auch die regelmäßige Sitzung bei einem Psychotherapeuteneine Form der echten Umkehr sein? Es geht ja darum, die Einstellungen, die zu Fehlentscheidungen und verkehrten Handlungen führen, abzulösen.
Die große Umkehr ist so gesehen ein psychotherapeutischer und spiritueller Wachstumsprozess in einem.
Was wir in Lebenskrisen lernen können, ist die Einsicht, dass es in uns selbst weitergeht, dass in uns eine Dynamik liegt, welche die außen unlösbare Situation auf eine andere Weise löst..
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II
Schluss
Perspektivenwechsel als die Umkehr, die alle fordern, will deshalb kaum jemand, weil der konkrete, begehbare Weg dazu fehlt. So bildet sich die Meinung, man müsse nur noch mehr Lasten auf sich nehmen. In Wirklichkeit beginnt sie damit, dass man anhält, den Blick darauf richtet, was ist, was in einem selbst vorgeht, vor allem auf das, was man bisher vermieden hat und sich davon aufrütteln lässt. Damit wird niemand überfordert.
Die „Wandlung der Denkungsart" besteht als erstes darin, die Einsicht zuzulassen, dass es nicht nur auf das Begreifen ankommt, sondern noch mehr auf das Ergriffen-Werden. Es sollte bewusstwerden, dass wir für die Wandlung nicht etwas machen müssen, sondern dass etwas mit uns geschehen will, dass wir nicht auf eigene Werke, sondern auf das innere Wachstum, auf die Gnade vertrauen dürfen.
Eine Umkehr wird nur dann nachhaltig und das Ganze umfassend sein, wenn sich der Rahmen der Wahrnehmung ändert, sodass wir anders sehen, hören und denken. Daraus kann ein neuer Mensch werden mit einem geschärfteren Blick für die Wirklichkeit, für die Not der Menschen und für die neuen Möglichkeiten. Es geht um eine Einstellung, in der ich nicht nur weiß, was ich denke, sondern auch, wovon ich gedacht werde und von welchen Motiven ich geleitet bin.
Die Erfolglosigkeit christlicher Verkündigung kann beendet werden, wenn der emotional-existentielle Bereich bewusst in den Blick genommen wird. So wichtig das äußere Wissen um die Gefahren und die Möglichkeiten des Daseins auf dieser Erde ist, die Entscheidung über Gelingen oder Misslingen der Zukunft kommt aus der existentiellen Betroffenheit. Umso wichtiger ist die reflektierte, verantwortete Arbeit auf diesem Gebiet. Dazu finden wir in der Tiefenpsychologie einen wesentlichen Ansatz, speziell in jener, welche vom Bild Gottes als dem Kern der Existenz ausgeht.
Man kann Gott entdecken, wenn man die eigene Seele entdeckt. Auf diesem Weg kann die versiegte Quelle, die Urkraft des Echten, Wahren und Schönen, mit anderen Worten das Religiöse wieder fließen. Dies bildet die Grundlage für Entscheidungen von Endgültigkeit und für die Dauer der Beziehungen. Der ungetrübte, volle Blick in die Wahrheit der eigenen Existenz befreit von Enge, Isolierung und unnötigen Lasten, weil „die Wahrheit frei macht." (Joh 8,32)
Sie führt zu einer tieferen Verbundenheit mit anderen Menschen, mit der Natur und dem Kosmos. Freiheit und Nähe, Mut und Vertrauen finden harmonisch zusammen. Hier liegt ein Ansatz, der es ermöglicht, die geistigen Entwicklungen in der Gesellschaft nicht mehr passiv hinzunehmen, sondern bewusst mitzugestalten, eine Kunst, welche dem Christentum in ihren Ursprüngen zu eigen war. Man muss nicht unbedingt nach den neuesten Methoden greifen. Wichtiger ist die Wachheit für die existentielle Tiefe im Hier und Jetzt. Es genügt nicht, wenn man alles, was mit den Fragen der Menschen zu tun hat, sauber registriert und darüber kluge Analysen macht. Entscheidend ist, was dann geschieht. Es gibt die Umkehr, welche die Kraft mit sich bringt, Neues zu gestalten und Lösungen anzubieten. Wir müssten gegenüber den Problemen der Zeit nicht ratlos und die Zukunft müsste nicht religionslos sein.
Im Grunde geht es hier um einen Neuen Menschen, der primär aus den geistigen Schichten des Unbewussten lebt, wo die vitalen Anteile mitleben dürfen, aber nicht mehr eine verwirrende und zerstörende Macht ausüben. Individuation meint die volle Ausprägung des ganz Eigenen, was nicht mit Eigensinn und Egoismus verwechselt werden darf, aber durchaus Trennungen aus alten Abhängigkeiten verursachen und deshalb zu Ehekrisen führen kann.
Das ganz Eigene, das hier gemeint ist, ist Ergebnis meist eines längeren Suchprozesses. Es hat mit unserer tieferen Seelensubstanz zu tun. Was wir als das Eigene erkannt haben - eine Aufgabe, einen Beruf oder auch eine Idee, eine Begegnung mit einem anderen Menschen - gibt uns Kraft oft sogar zu heroischen Taten. Wenn wir deshalb im Prozess der Selbstwerdung, des inneren Weges Fremdes und Übergestülptes ablegen und bis zum Kern unseres Wesens vordringen, nehmen wir an innerer Sicherheit und Lebendigkeit zu. Wir werden angstfreier und. kontaktfähiger. Der angestrebte größere Umfang der Persönlichkeit besagt, dass wir die dunklen Seiten in uns, welche Ängste erzeugen und echte Kontakte verhindern nach und nach erhellen. Dies schließt den klareren Blick für Dinge, wie sie sind, und eine stärkere Ausstrahlung mit ein. Der abgehobene Intellekt muss sich mit der Welt des Irrationalen, der Instinkte und der spirituellen Erfahrung verbinden. Die angesprochenen Probleme, für die eine Antwort gesucht wird, werden nicht im bisher vorgestellten Sinn gelöst, sondern überwachsen. Dieses „Überwachsen" bedeutet ein höheres Niveau des Bewusstseins, das Ziel des inneren Weges ist.
Ein höheres und weiteres Interesse tritt in das Bewusstsein und durch die Erweiterung des Horizonts verliert das unlösbare Problem von seiner Dringlichkeit. Es kann getrost vergessen werden.
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