10.Sonntag A 08.062026
Barmherzigkeit hat in unserer Sprache keinen besonders guten Klang. Wir wollen zuerst Gerechtigkeit. Aber sagen wir statt Barmherzigkeit einmal Zuwendung, Verständnis, Hilfsbereitschaft, Versöhnung: All das lässt sich nicht durch Gesetze erzwingen, es kann nur aus dem Herzen kommen. Ohne diese Barmherzigkeit (oder wie wir es nennen wollen), ohne die Liebe, die dem anderen Gutes will und Gutes tut, ist unser ganzer Gottesdienst nichts wert.
EröffnungsversPs 27 (26), 1-2
Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist die Kraft meines Lebens;
vor wem sollte mir bangen?
Meine Bedränger und Feinde,
sie müssen straucheln und fallen.
Ehre sei Gott, S 375 f.
Tagesgebet
Gott, unser Vater, alles Gute kommt allein von dir.
Schenke uns deinen Geist,
damit wir erkennen, was recht ist,
und es mit deiner Hilfe auch tun.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Zur 1. Lesung Im vorangehenden Bußgebet Hos 6, 1-3 hatte das Volk von der Rückkehr zu Gott gesprochen und von Rettung als der erwarteten Frucht des Bußgottesdienstes. Aber was soll ein Bußgottesdienst, wo kein ernster Wille zur Umkehr vorhanden ist? Gott will nicht einen äußerlichen Opferkult, sondern Liebe und Gotteserkenntnis: lebendiges Wissen um den hier und jetzt anwesenden, schenkenden und fordernden Gott.
Erste LesungHos 6, 3-6
An Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern
Lesung
aus dem Buch Hoséa.
3Lasst uns den Herrn erkennen,
ja lasst uns nach der Erkenntnis des Herrn jagen!
Er kommt so sicher wie das Morgenrot;
er kommt zu uns wie der Regen,
wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt.
4Was soll ich mit dir tun, Éfraim?
Was soll ich mit dir tun, Juda?
Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen
und wie der Tau, der bald vergeht.
5Darum habe ich durch die Propheten zugeschlagen,
habe sie durch die Worte meines Mundes umgebracht.
Dann wird mein Recht hervorbrechen wie das Licht.
6Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern,
an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.
AntwortpsalmPs 50 (49), 7-8.12-13.14-15 (Kv: vgl. 23b)
Kv Wer den rechten Weg beachtet, der schaut Gottes Heil. - Kv
7„Höre, mein Volk, ich rede. /GL 53,1
Israel, ich bin gegen dich Zeuge, *
Gott, dein Gott bin ich.
8Nicht wegen deiner Opfer rüge ich dich, *
deine Brandopfer sind mir immer vor Augen. - (Kv)
12Hätte ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, *
denn mein ist der Erdkreis und seine ganze Fülle.
13Soll ich denn das Fleisch von Stieren essen *
und das Blut von Böcken trinken? - (Kv)
14Bring Gott ein Opfer des Dankes *
und erfülle dem Höchsten deine Gelübde!
15Ruf mich am Tage der Not; *
dann rette ich dich und du wirst mich ehren." - Kv
Zur 2. Lesung Nicht durch Erfüllung des mosaischen Gesetzes oder anderer Gesetze wird der Mensch vor Gott gerecht, sondern durch den Glauben (Röm 3, 22). Der Glaube Abrahams war Hoffnung, Vertrauen, Gehorsam. Er hat Gott als den anerkannt, der sein Wort wahr macht, selbst da, wo es ganz unmöglich scheint. Wer so, ohne Vorbehalt, zu Gott ja sagt und sich in seine Hände gibt, zu dem sagt auch Gott ja; der ist „gerecht", das heißt: von Gott angenommen.
Zweite LesungRöm 4, 18-25
Er wurde stark im Glauben, indem er Gott die Ehre erwies
Lesung
aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom.
Schwestern und Brüder!
18Gegen alle Hoffnung
hat Abraham voll Hoffnung geglaubt,
dass er der Vater vieler Völker werde,
nach dem Wort:
So zahlreich werden deine Nachkommen sein.
19Ohne im Glauben schwach zu werden,
bedachte er, der fast Hundertjährige,
dass sein Leib und auch Saras Mutterschoß schon erstorben waren.
20Er zweifelte aber nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes,
sondern wurde stark im Glauben,
indem er Gott die Ehre erwies,
21fest davon überzeugt,
dass Gott die Macht besitzt, auch zu tun, was er verheißen hat.
22Darum wurde es ihm auch als Gerechtigkeit angerechnet.
23Doch nicht allein um seinetwillen
steht geschrieben: Es wurde ihm angerechnet,
24 sondern auch um unseretwillen,
denen es angerechnet werden soll,
uns, die wir an den glauben,
der Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt hat.
25Wegen unserer Verfehlungen wurde er hingegeben,
wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt.
Ruf vor dem EvangeliumVers: vgl. Jes 61, 1 (Lk 4, 18)
Halleluja. Halleluja.
Der Herr hat mich gesandt,
den Armen die Frohe Botschaft zu bringen
und den Gefangenen die Freiheit zu verkünden.
Halleluja.
Zum Evangelium Für die gesetzestreuen Pharisäer ist es ein Ärgernis, dass Jesus sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch setzt, weil er sich dadurch unrein macht. Jesus aber beruft sich auf seine Sendung und auf den Willen Gottes. Er ist als Arzt für die Kranken gekommen; deshalb können hier keine Reinheitsvorschriften gelten, und seine Tischgemeinschaft mit den Sündern ist ein wirklicher Gottesdienst. Erbarmen und helfende Liebe ist der Dienst, den Gott eigentlich will.
EvangeliumMt 9, 9-13
Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.
In jener Zeit
9 sah Jesus einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen
und sagte zu ihm: Folge mir nach!
Und Matthäus stand auf
und folgte ihm nach.10Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war,
siehe, viele Zöllner und Sünder kamen
und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.
11Als die Pharisäer das sahen,
sagten sie zu seinen Jüngern:
Wie kann euer Meister
zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?
12Er hörte es
und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes,
sondern die Kranken.
13Geht und lernt,
was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!
Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen,
sondern Sünder.
Zöllner, Sünder, Pharisäer- die (un)bekannten Figuren
Zöllner, Sünder, Pharisäer- gehören zu den bekanntesten Figuren aus dem Umfeld, in dem sich Jesus bewegte. Den einen gehört unsere Sympathie, den andern unsere Ablehnung. Über beiden steht Jesus, der sich gütig den Sündern zuwendet und die Pharisäer in Frage stellt. Und schon haben wir die Erzählung in einer Schublade abgelegt und auch zugemacht. Wir sollten der Frage nicht ausweichen: Haben wir die Geschichte, ihre brisante Aussage auch für unsere Tage verstanden? Die genannten Personen sind weit weg, historisch über zwei Jahrtausende von uns getrennt. Wie immer sie gewesen sein mögen, entscheidend ist, dass wir in den Figuren etwas von unserer Zeit erkennen, von den Menschen, die mit uns leben, vor allem von uns selbst. Um die Entrüstung der Pharisäer zu verstehen, erlauben wir uns einmal folgende Fantasie: Ein Bischof würde auf einem Schwulenkongress zu Gast sein und dort um Verständnis für deren Situation werben. Der Skandal wäre unbeschreiblich, die Entrüstung käme am ehesten von den Treuen und Rechtgläubigen, die diesen Schritt nicht nachvollziehen können.
Es gibt in der jüngsten Geschichte einige Beispiele für ähnliche, ungewöhnliche Fiktionen. Man kann den französischen Bischof Gaillot anführen, der wegen seiner recht unkonventionellen Art, Menschen auf der Straße anzusprechen und mit ihnen in Kontakt zu kommen, abgesetzt wurde. Was er tat, habe der Würde dieses Amtes nicht entsprochen. Erinnert sei aber auch an Papst Johannes XXIII, der den Schwiegersohn des russischen Präsidenten empfing, einen Mann aus dem kommunistischen Lager, dessen Anhänger zehn Jahre zuvor noch exkommuniziert wurden. Die Aufregung braucht man nicht eigens zu schildern.
Und trotzdem hätten wir den Sinn des Textes noch lange nicht verstanden, wenn es nur um Toleranz und Verständnis für Anders - Denkende und Anders - Lebende ginge und um Protest gegen Intoleranz im Rahmen der Kirche. Erst dann kommen wir weiter, wenn wir die Frage zulassen: Wer sind wir selbst in dieser Geschichte? Wie kommen wir selbst in dieser Geschichte vor?
Am wenigsten möchten wir Pharisäer sein. Denn dieser Name ist aufgeladen mit Antipathie, er ist sogar ein Schimpfwort, welches jene Einstellung bezeichnet, die an der äußeren Rolle von Frommen und Gesetztestreuen orientiert ist, unter der sich aber maßloser Egoismus verbirgt. Man verurteilt das Vortäuschen eines frommen Scheins mir Recht. Wir sind schnell bereit, einem anderen dieses Etikett aufzudrücken. Lieber möchte man schon auf der Seite der Zöllner und Sünder stehen; denn da sei man ehrlicher. Historisch gesehen waren die Pharisäer nicht das Zerrbild der Frömmigkeit. Sie versuchten, das Gesetz Gottes mit letzter Konsequenz zu befolgen und es auch bis in das alltägliche Leben hinein durch zusetzen. Kein Geringerer als der Apostel Paulus bekennt sich zu dieser Art der Religiosität. Er erkennt deren Eifer an, aber er bezeichnet ihn jedoch als unerleuchtet.
Wie immer sie waren, wichtiger ist zu verstehen, dass man zu allen Zeiten als religiöser Mensch seinen Schatten haben kann und dass unser Leben, ganz gleich ob fromm oder nicht fromm, eine Rückseite hat. Falsch wird es immer dann, wenn man das Böse, das man selbst zu meiden glaubt, den andern zuschiebt. Beim Eifer, das Böse bei anderen aufzudecken und bei sich selbst auszublenden, sind die Zöllner und Sünder unserer Zeit nicht ausgenommen. Der entscheidende Fortschritt tritt dann ein, wenn man bereit ist, in sich selbst hineinzuschauen, ob vielleicht das, was man deutlich und gerne bei andern sieht, nicht auch bei einem selbst zu finden ist .
Noch mehr bringt es, wenn man eher darauf bedacht ist, das Gute bei denen zu sehen, die nicht zu uns gehören: zum Beispiel die intensive Suche nach spiritueller Tiefe und die wertvollen Ansätze und Anregungen so vieler, die nicht in der Kirche sind. Es fällt auf, dass Jesus auch einen von den verrufenen Zöllnern zu seinem Jünger macht, ebenso den Pharisäer und Verfolger Saulus. Der Mann, den Jesus an der Zollstätte berufen hat, hieß Levi oder Matthäus. Er hat nach der Überlieferung das Evangelium geschrieben, das wir heute unter seinem Namen gehört haben. Es gehört zu den guten Taten Jesu, dass er die Fähigkeiten zum Guten in jedem Mensch erkennt und sie aufblühen lässt.
Erinnert sei, dass die ersten Apostel Fischer waren, bevor Jesus kam, dann „Menschenfischer" wurden.
Die Begegnung mit Jesus ist es, in der jeder über sich hinauswachsen kann.
Array
Glaubensbekenntnis, S. 378 ff.
Fürbitten vgl. S. 810 ff.
Zur Eucharistiefeier Am Tisch des Herrn ist Platz für alle, Sünder wie Gerechte. Wie gut, dass seine Tür immer offen steht. Ganz gleich, was wir mitbringen und wie es um uns steht: Wir sind immer willkommen.
Gabengebet
Herr, sieh gütig auf dein Volk, das sich zu deinem Lob versammelt hat.
Nimm an, was wir darbringen,
und mehre durch diese Feier unsere Liebe.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Präfation, S. 431 ff.
KommunionversPs 18 (17), 3
Herr, du bist mein Fels, meine Burg, mein Retter,
mein Gott, meine Zuflucht.
Oder:1 Joh 4, 16
Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott,
und Gott bleibt in ihm.
Schlussgebet
Barmherziger Gott, die heilende Kraft dieses Sakramentes
befreie uns von allem verkehrten Streben
und führe uns auf den rechten Weg.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Für den Tag und die Woche
Das Maß „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer": Jesus zitiert bei Matthäus gleich zweimal diesen großen Lehrsatz des Propheten Hosea (Mt 9, 13; 12, 7). Die Christenheit hat den Akzent vielfach anders setzen wollen; das schiefe Wort vom „praktizierenden Christen" ist der unwiderlegliche Zeuge für solches Denken und Werten. Der Gott der Offenbarung sollte gerade für die, die sich seine Frommen und seine Bekenner nennen, der Maßgebende schlechthin sein. Anderswo Maß zu nehmen, etwa an den eigenen Vorstellungen von Religion, ist gerade nicht die Religion, die Jahwe und Jesus wollen. (nach Alfons Deissler)